
- Schreiber-Icon - Illustration: Friederike Rave
Procedurals wie "CSI" und "Navy CIS" sind hauptsächlich deshalb solche großen Erfolge, weil sie vom Publikum kein Vorwissen verlangen. Egal ab welcher Staffel oder Episode der Zuschauer sich zum ersten Mal anschaltet, er brauch nur zweimal eine Folge gesehen zu haben, um zu wissen, worum es in der Serie geht.
Anders verhält es sich bei Serials (Fortsetzungsserien) wie "Lost" oder "Greys Anatomy". Hier ist die volle Aufmerksamkeit des Zuschauers erforderlich. Verpasst er ein paar Folgen einer Serial, kann es sein, dass er den Anschluss an die Handlung verliert.
Ein Einstieg in eine bereits seit Jahren laufende Serial ist nur noch möglich, wenn der Zuschauer in der Sommerpause die vorherigen Staffeln auf DVD nachholt. Dieses erklärt vielleicht, dass sich derzeit unter den 10. Publikumsstärksten Sendungen in den USA nur eine Serial, nämlich "Desperate Housewives", befindet.
Bestandteile einer Serial: Recap und cliffhanger
Am Anfang jeder Serial steht ein sogenannter Recap (kurze Zusammenfassung) der verschiedenen Handlungsstränge, die in der jeweiligen Episode wieder aufgenommen werden. Bezieht sich die Zusammenfassung bei älteren Serials wie "Falcon Crest" noch ausschließlich auf die Ereignisse der vorangegangenen Episode, wird in heutigen Fortsetzungsserien an Handlungsstränge erinnert, die durchaus mehrere Folgen zurücklegen können (Beispiele: "Desperate Housewives", "Lost").
Am Ende jeder Episode steht ein cliffhanger, welcher den zentralen Handlungsstrang der Folge an einem besonders dramatischen Punkt unterbricht, um ihn in der nächsten Episode von dieser Stelle an weiterzuerzählen.
Die offene Struktur der Serial
Im Gegensatz zu den in sich abgeschlossenen Episodenhandlungen der Procedurals ist das zentrale Merkmal der Serials, dass sie mehrere sich fortsetzende Handlungsstränge besitzt. Dabei können manche Handlungsstränge entweder eine ganze Staffel umfassen oder sich über die komplette Serie ziehen.
Aufgrund ihrer offenen Struktur sind die Erzählsstränge von Serials so gestaltet, dass sie sukzessive ihre Informationen preisgeben. Der Zuschauer hat dabei gewissermaßen die Aufgabe eines Rätsellösers. Dieser muss die einzelnen Handlungsfragmente zu einem ganzen zusammenzusetzen. Um jedoch alle Informationen zu erhalten, die für die Lösung des Rätsels notwendig sind, muss der Zuschauer jede einzelne Folge gesehen haben.
Zum Beispiel steht zu Beginn der 1. Staffel von "Desperate Housewives" ein Selbstmord, dessen Motive erst mit der abschließenden Folge dieser Staffel erklärt werden.
Bei "Lost" ist der Zuschauer zu noch mehr Aufmerksamkeit aufgefordert, setzt sich doch die Mythologie dieser Serie aus Informationen zusammen, die in den bisherigen fünf Serienstaffeln gegeben worden.
Bei "Desperate Housewives und "Lost "gibt es jedoch auch immer wieder Episoden, deren Erzählstränge auf eine Folge begrenzt bleiben (Beispiel: 100. Folge von "Desperate Housewives").
Serials bieten Raum für Charakterentwicklung
Im Gegensatz zu den zielorientierten Procedurals (Lösung eines Mordfalls) kann die Handlung einer Serial auch ohne ein konkretes erzählerisches Ziel auskommen und einen Zeitraum von mehreren Jahren umfassen.
Familienserien wie "Six Feet Under" oder "Die Sopranos" nutzen solche langen zeitlichen Perioden, um die Entwicklung einzelner Charaktere aufzuzeigen.
"Six Feet Under" beispielsweise erzählt in seinen fünf Staffeln unter anderem die Geschichte von Ruth Fisher, einer anfangs sich nur für andere aufopfernden Frau, die sich im Laufe der Zeit zu einer unabhängigen, selbstbewussten Person entwickelt.
"Dallas": Die Mutter aller Serials
Die Seifenoper "Dallas" gilt als Mutter aller Serials, war sie es doch die ab ihrer 3. Staffel episodenübergreifende Handlungsstränge und den cliffhanger innerhalb einer abendlichen Dramaserie etablierte.
Eine weitere wichtige Serie für die Entwicklung der Serial ist die 1981 gestartete Serie "Hill Street Blues". Diese Serie kombinierte erstmals die Genrekonventionen einer Polizeiserie mit denen der Seifenoper und machte auch Gebrauch von mehreren und offenen Handlungssträngen. In ihrem Kielwasser folgten Serials quer durch alle Genres wie "Star Trek: Deep Space Nine", "Ally McBeal", "Alias" und "24".
